Berthold Jäger

Zusammenfassung einer besonderen Zeit

Das Ende einer großartigen Zeit naht. Nach einer nun fast neununddreißigjährigen Laufbahn steht nun Berthold Jäger, uns allen als Herr Jäger bekannt, am 01.02.2020 die Pensionierung bevor. Was ist alles in diesen Jahren passiert? Welche Eindrücke und Erlebnisse wurden über die Jahre gesammelt? Anlässlich dieser und noch weiterer Fragen meldet sich unser stellvertretender Schulleiter in einem Interview zu Wort, um seine gute Zeit bei uns zu einem gelungenen Ende zu bringen.

„Wie sind Sie zu ihrem Beruf gekommen?”

„Das ist eine einfache Geschichte. Ich bin zur Uni gefahren und wollte Ökonomie studieren und habe mich dann auch dafür eingeschrieben. Doch auf der Rückfahrt dachte ich mir, dass ich dann ganz wenig mit Menschen zu tun hätte. Daraufhin bin ich dann wieder zurückgefahren, um mich für Englisch und Ökonomie auf Lehramt einzuschreiben. Diese Entscheidung habe ich auch nie bereut. Ansonsten wäre ich wohl Volkswirt geworden.”

„Was hat Ihnen an der Arbeit mit den Schülern am meisten gefallen?”

„Schwer zu sagen. Mir gefällt es zum einen enorm, Inhalte, die mir wichtig sind, über meinen Unterricht zu vermitteln. Damit meine ich aber keinen Grammatikunterricht, sondern vielmehr die Diskussionen, die man beispielsweise in der Oberstufe über Globalisierung, Klimawandel, Frauenrechte oder Unterdrückung führt.
Zum anderen ist es einfach toll, dass man hier Menschen kennenlernt und teilweise neun Jahre am Stück mit ihnen zusammenarbeitet. Mir begegnen heute Leute im Supermarkt, die meinen, dass wir wohl mal ein Rollenspiel zur sozialen Verteidigung gemacht hätten. Dieses Zusammenarbeiten finde ich am besten.”

„Ihnen müssen über die Jahre reichlich Beschwerden zugekommen sein, als einem der ersten Ansprechpartner bei Problemen. Gab es welche, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind?”

„Da war erst letzte Woche eine sehr lustige. Da haben sich Eltern darüber beschwert, dass ihre Kinder zu viel Unterricht hätten, was ich noch nie erlebt hatte. Normalerweise beschweren sich Eltern nämlich zurecht über zu viel Unterrichtsausfall. Jetzt ist es auf einmal umgekehrt.
Aber ansonsten ist es schwierig, da etwas hervorzuheben. Wir haben täglich Beschwerden, über die man zum Teil lachen kann.”

„Haben Sie eventuell auch besondere Gegenstände konfiszieren müssen?”

„Ja, zum Beispiel eine Plastikpistole. Gerade diese hat eine besondere Hintergrundgeschichte. Damals kam nämlich ein Schüler ins Sekretariat und wollte sich ein Kühlpack holen, mit der Begründung, dass ihm ins Auge geschossen wurde. Ich saß währenddessen im Nebenzimmer, bin aufgesprungen und habe mich sofort erkundigt. Danach bin ich mit ihm in den Unterricht gegangen und habe diese Pistole von einem anderen Schüler eingesteckt. Phänomenal war, dass die Lehrerin einfach nur gesagt hatte, dass er sich ein Kühlpack holen solle, sonst nichts.
Ansonsten habe ich auch schon einen Baseballschläger beim Abitur einstecken müssen, wo ja auch viel Alkohol im Spiel ist. Aber sowas muss in diesem Jahr jemand anders machen.“

„Wie würden Sie Ihr Verhältnis mit den Schülern beschreiben? Welche Erfahrungen haben Sie, daran angeschlossen, auf Klassenfahrten mit diesen gemacht?”

„Das ist eine gute Frage; ich glaube, grundsätzlich ist das Verhältnis ganz gut. Letztlich müssten das die Schüler beantworten. Beim Thema Klassenfahrten hat sich im Vergleich zu heute sehr viel verändert. Damals waren die Schüler schon alle achtzehn. Als wir zum Beispiel gemeinsam nach Schottland gefahren sind, haben sich fast alle Alkohol gekauft. Ein lustiges Erlebnis war, als ich mit meinem Kollegen und fünfzehn Jungs auf einem Zimmer in einer Jugendherberge geschlafen haben. Abends wurde zudem ausschließlich gefeiert und wir konnten uns da nicht raushalten.”

„Gab es vielleicht einen Ausflug, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?”

„Ja, der Israel-Austausch vor langer Zeit. Da sollte es bei einigen von euch klingeln. Der war für mich eine Motivation, es jetzt wieder zu versuchen, da mir Frieden und Versöhnung besonders wichtig sind. Ich habe es auch noch nicht aufgegeben. Wir haben da noch einen Kontakt zu einer Schule in der Nähe von Tel Aviv, wobei das für euch als Q1-Schüler zu spät kommt.
Unsere Schüler haben dort auch viel über die deutsche Geschichte gelernt. Ich habe ein Bild vor Augen, wo zwei Schülerinnen aus Yad Vashem, der sehr beeindruckenden Holocaust-Gedenkstätte, die an die getöteten Juden erinnert, herausgehen und sich an den Händen halten. Ich stand daneben und merkte in diesem Augenblick, dass die jungen Israelis mit Geschichte anders umgehen als wir. Sie sehen uns Deutsche nicht als Feinde, sondern betonen die gemeinsame Zukunft nach dem Motto „So nie mehr. Wir gehen zusammen, Hand in Hand.”
Ich hatte insgesamt das Gefühl, dass sich unsere Schüler enorm interessiert haben.
Alles andere, wie Amerika oder England, war natürlich auch gut. Wir haben auch einen Praktikumsaustausch nach Sheffield organisiert, bei dem die Schüler der Q1 zwei Wochen im Betrieb arbeiteten und der Lehrer nur eine Woche dort blieb. Das zielte auf die Selbstständigkeit der Schüler ab.
Oder mit den Achtern ein Floß zu bauen und damit ins Wasser zu fahren war auch cool.”

„Was werden Sie abschließend am meisten an ihrem Beruf vermissen?”

„Das weiß man vorher, glaube ich, nicht. Es ist das gleiche, als ob ich euch fragen würde, was ihr in zwei Jahren am meisten an der Schule vermissen werdet. Es ist nicht der klassische Unterricht, nicht das Reden über If-Sätze. Vermissen werde ich die Schüler an sich, weil ich in einem Alter bin, in dem man nur wenig natürlichen Umgang mit Jugendlichen hat. Meine eigenen Kinder sind erwachsen und Enkelkinder habe ich noch keine. Es ist klasse, mit Jugendlichen umzugehen, und das werde ich wohl sehr vermissen, da bin ich mir ziemlich sicher.”